| Veranstaltung: | Delegiertenversammlung | 52. BMV |
|---|---|
| Tagesordnungspunkt: | 9.1.3. Politische Geschäftsführung |
| Antragsteller*in: | Lennard Runkel (CampusGrün Münster) |
| Status: | Eingereicht |
| Eingereicht: | 12.12.2025, 11:14 |
B7: Lennard Runkel
Selbstvorstellung
Bewerbung als politischer/koordinatorischer Geschäftsführer von Campusgrün
„Choo, choo, train a-trackin‘ down the track“ („One Way Ticket“ – Eruption, 1979)
Es ist Anfang Januar 2026, überraschend aber doch vorhersehbar herrscht Glatteis auf den deutschen Straßen, etliche Züge fallen aus. Ich stehe an Gleis drei am Mainzer Hauptbahnhof. Vor ein paar Tagen habe ich einige Kilometer von hier am Rheinufer mit meinen Eltern den Start des neuen Jahres gefeiert. Nun warte auf den ICE zurück nach Münster. Auf der Anzeigetafel läuft ein Text durch „Heute ca. 30 Minuten später.“ Mit einigen Minuten Verspätung fährt mein Zug dann ein. Heute ohne Reservierungen, weil Ersatzzug. Ich steige ein. Nach etwas suchen finde ich eine kleine Nische an der Tür zwischen zwei Wagen, in der ich es mir bequem mache. So bequem es man sich mit zwei Koffern und einem Rucksack in einem überfüllten Zug machen kann. Der Zug fährt los. Ich schaue aus dem Fenster der Zugtür und denke nach:
„Dear Diary, I’m on my way to madness“ („Lucky Day“ – Sasha, 2006.)
Die Fahrt zurück nach Münster bedeutet nicht nur der Start in ein neues Jahr, sondern auch die Rückkehr in den ganz normalen Studienwahnsin. In drei Wochen schreibe ich Klausuren. Habe ich schon angefangen zu lernen? Nope. Wann war ich eigentlich das letzte mal in dieser einen Vorlesung? Ich kann mich nicht mehr erinnern. Aber das was ich erlebe unterscheidet sich kaum von vielen anderen Studierenden. Ich bin einer von vielen Studierenden, die an diesem Tag zurück von ihrer Familie in ihre Hochschulstadt fahren. Einer von vielen mit den gleichen Gedanken daran, was das neue Jahr und die Klausurenphase wohl bringen wird. Und dazu tritt der ganz normale Studi-Alltag. Manche suchen nach einer Wohnung, weil ihre Zwischenmiete ausläuft. Andere sitzen schon seit zwei Stunden in der Regionalbahn. Sie haben bis jetzt noch keine Wohnung in ihrer Studienstadt gefunden und pendeln täglich in der Hoffnung noch einen Platz in der Bib oder ihrem Seminar zu bekommen. Aber ist das wirklich alles? Soll ein Studium wirklich so funktionieren? Oder besser gefragt: Wie soll ein Studium so wirklich funktionieren?
„Dream on, dream on, dream on, dream until your dream comes true“ („Dream on“ – Aerosmith, 1973.) und
Vor nun etwas mehr als 55 Jahren versprach Willy Brandt „Bildung für alle.“ Die zentrale Maßnahme: Ein Rechtsanspruch auf individuelle finanzielle Förderung für alle, die keine ausreichenden Mittel zur Verfügung hatten, um zu studieren, in Form des Bundesausbildungsförderungsgesetzes, oder kurz: BAföG. Zu Beginn hatte etwa die Hälfte der Studierenden Anspruch auf BAföG. Ein Studium war damit für viele Menschen erstmals eine realistische Option und das BAföG ermöglichte es erst vielen, wie auch meinen Eltern, als erste in der Familie zu studieren. Dabei stand ein Studium nicht nur für neue Ausbildungs- und Berufschancen, sondern war auch stark mit einem persönlichen wirtschaftlichen Aufstieg verbunden. Für viele Menschen bedeutete das erstmalig in der Familie damit eine Möglichkeit zum sozialen Aufstieg und damit ein Aufstieg in soziale Schichten, die ihnen bislang verwehrt geblieben sind. Diese Reformen waren damals entscheidend für viele die sich heute Akademiker*innen nennen dürfen. Doch was bleibt davon? Was sind die aktuellen Herausforderungen des Hochschulsystems? Aber auch vor welchen Herausforderungen stehen wir Studierende als Menschen und als gesellschaftliche Gruppe?
"I work all night I work all day to pay the bills I have to pay. Ain't it sad?" (Money, Money, Money" – ABBA, 1976.)
Medial ganz prominent fällt auf, dass bei den Hochschulen gekürzt wird. In Nordrhein-Westfalen konsolidiert schwarz-grün den Landeshaushalt unter anderem durch Einsparungen in Höhe von 120 Millionen Euro bei den Universitäten und Hochschulen. In Sachsen sollen unter anderem zweckgebundene Mittel für Gleichstellung und Modernisierung durch das CDU geführte Wissenschaftsministerium gekürzt werden. In Berlin hat schwarz-rot den Universitäten rund acht Prozent der Mittel gestrichen. Am Ende sind viele Einsparmaßnahmen nicht im ursprünglich geplanten Umfang eingetreten. Aber der Trend ist klar. In den Zeiten klammer Staatskassen, soll nicht nur unsozial bei sozialen Sicherungssystem gekürzt werden, sondern auch bei der Bildung. Und genau das ist fatal.
Ich schaue aus dem Fenster und denke zurück an meine Zeit als AStA-Finanzreferent. Bei den Sozialdarlehen und den Anträgen für den Krisenfonds, die ich bearbeitet hatte, kommt jetzt zur Rückmeldung im Studium wieder eine Antragswelle. Viele Studierende können es sich nicht mal leisten, den Semesterbeitrag zu zahlen. Ich hole mein Handy heraus und google: Laut der Sozialerhebung des Deutschen Studierendenwerks haben etwa ein Drittel der Studierenden weniger als 800 € zur Verfügung. Durchschnittlich geben Studierende etwa 410 € im Monat für Miete aus. Das BAföG sieht jedoch nur 360 € als Wohnkostenpauschale vor. Die Folge: Viele Studierende müssen neben dem Studium abreiten gehen. Und das gerade nicht, um sich mal einen Urlaub zu leisten, sondern um das Mindeste ihres Lebensunterhalts zu bestreiten. Dabei ist die lange Bearbeitungsdauer beim BAföG für viele Studierenden finanziell fatal, denn auch wenn eine Fortzahlung unter Vorbehalt gewährt wird, können bei verändertem Anspruch Zahlungen zurückgefordert werden. Ich lese weiter:
„Die Leute fingen an zu reden, aber keiner bot Conny Hilfe an“ („Am Tag als Conny Kramer starb“ – Juliane Werding, 1972.)
„Bereits vor der Coronapandemie konnte festgestellt werden, dass Studierende zunehmend unter Stress, depressiven Symptomen oder einer Kombination aus beidem leiden (Grützmacher et al., 2018). Da das Studium mit zahlreichen stressrelevanten Faktoren, die Leistungs- oder Zeitdruck verbunden steigern, verwundert es nicht, dass das allgemeine Stresserleben von Studierenden in Deutschland auf einem hohen Niveau ist (Sendatzki & Rathmann, 2022).“ Problematisch ist, dass diese Erkrankungen in der Regel beim Studium nicht mitgedacht werden. Es gibt zwar teilweise Beratungsangebote, die jedoch häufig ebenfalls überbelastet sind. Ich erinnere mich daran, wie ich die Vertragsanpassung unterschrieben hatte, mit der wir die Wochenstunden unserer psychologischen Beratung im AStA erhöht hatten, weil der Andrang so hoch war. Aber auch auf einen Psychotherapieplatz wartet man teils Jahre, wenn man nicht privatversichert oder Selbstzahler*in ist. Einige der betroffenen Studierende stürzt das in eine mentale Krise, zum Teil mit fatalen Folgen.
„But take your time, think a lot, think of everythin you’ve got“ („Father and Son“ – Cat Stevens, 1970.)
Mein Zug hält in Essen. Ich steige aus. Mein Anschlusszug ist eben abgefahren, aber am Gleis nebenan fährt ein anderer Zug in meine Richtung. In 40 Minuten. Ich setze mich auf eine Bank und sehe zu wie ein paar Gleise weiter Züge ein- und ausfahren. Und ich denke nach. Wer sitzt da wohl drin? Wo wollen die Leute hin? Was bewegt sie? Sitz dort vielleicht der alleinerziehende Vater, der sein Kind zum Arzt bringt oder das Pärchen, das in den Urlaub fährt? Und ich realisiere: Vielleicht geht es mir persönlich auch gar nicht so schlecht. Vielleicht bin ich gerade mit meiner eigenen Situation überfordert. Vielleicht brauche ich einfach etwas Hoffnung. Eine andere Perspektive auf die Dinge. Eine Perspektive, die die Problemstellung nicht kleinredet, aber die Laut ist. Laut, indem sie aufzeigt, wie es Studierenden und jungen Menschen geht. Eine Perspektive, die deutlich macht – nein eine Perspektive die brüllt und schreit und kritisiert, wie ein überkommenes System aus Leistungsdruck und sozialer Ungleichheit all diejenigen Menschen verheizt, die sich im nicht anpassen können oder wollen. Aber was kann ich allein da schon machen? Was sind meine Möglichkeiten als einfacher Student?
„Irgendwann laufen wir zusamm’n, weil uns einfach nichts mehr halten kann“ („Durch den Monsun“ – Tokio Hotel, 2005.)
Aber ich bin nicht allein. Jedenfalls nicht im Kampf für ein gerechtes und freies Studium ohne Leistungsdruck. Campusgrün ist einer der größten politischen Studierendenvertretungen bundesweit. Seine Mitgliedsgruppen räumen bei den Wahlen zu Studierendenvertretungen regelmäßig die meisten Stimmen ab. Allein in Münster ist die Fraktion im Studierendenparlament mit 13 von 31 Sitzen und etwa 40% mehr als doppelt so groß, wie die nächstkleinere Fraktion der Juso-HSG. An vielen anderen Hochschulen ist das ähnlich. Und genau da vor Ort ist mit unser größtes Potenzial positive Veränderungen anzustoßen. Denn Campusgrün profitiert als basisdemokratischer Studierendenverband extrem von den vielfältigen Perspektiven, die seine Mitglieder in den Bundesverband einbringen. Das durfte ich in den vergangenen anderthalb Jahren, die ich Bundesverband aktiv auf BMVen, als Datenschutzbeauftragter und Schiedsgericht war, miterleben. Obwohl Campusgrün mit seinen aktiven Mitgliedsgruppen zwar ein stark aufgestellter Verband ist, lassen sich viele große und strukturelle Probleme nur auf Landes- und Bundesebene lösen. Daher möchte ich anstreben, dass Campusgrün in den nächsten Jahren in jedem Bundesland einen aktiven Landesverband hat. Da ist es die Aufgabe des Bundesvorstands zu unterstützen und zu koordinieren. Allerdings muss auch der Bundesverband/Verein weiterhin sichtbar bleiben. Neben eigenen Bildungsseminaren, Pressemitteilungen und Social Media Postings müssen wir aber auch unsere Verbindung zur Partei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN nutzen. Denn faktisch handelt es sich bei den Grünen trotz teilweise inhaltlicher Differenzen und unterschiedlicher Ausprägungen der Nähe der Mitgliedsgruppen, um die Partei, über die wir unseren Themen bundespolitisch am effektivsten platzieren können. Wichtig ist mir aber dabei, dass die Mitgliedsgruppen vor Ort ihre Autonomie insbesondere im Verhältnis zur Partei behalten. Dazu möchte euer Ansprechpartner im Bundesvorstand sein. Und das mit dem Anspruch, dass ihr in die wesentlichen den Verband/Verein betreffenden Angelegenheiten eingebunden werdet. Dabei möchte ich gerne den angestoßenen Prozess zur Integration des Verbandes in den Verein und schlussendlich die Auflösung des Verbandes in meiner Amtszeit begleiten. In diesem Prozess sollen die Mitgliedsgruppen die Möglichkeit bekommen, selbst die zukünftige Vereinssatzung mitzugestalten, bevor sie sich für die Auflösung des Verbands entscheiden können.
„Vollgas, linke Spur, es wird nie wieder dunkel“ („photosynthese“ – Dilla, emi x, 2021)
Inzwischen sind knapp 40 Minuten vergangen. Der Zug fährt ein. Die Türen öffnen sich. Ich schnappe mir meine Koffer und den Rucksack und steige ein. Vom Bahnsteig höre ich die Durchsage der Computerstimme: "Meine Damen und Herren an Gleis 5: Bitte steigen Sie ein. Vorsicht an den Türen und bei der Abfahrt des Zuges." Die Schaffnerin pfeift. Steigt ihr ein?
Auszug aus meinem Lebenslauf
Präsident des 68. Studierendenparlaments
Studierendenschaft der Universität Münster, KdöR (48149 Münster, NW)
06/2025 – heute
studentisches Mitglied und stellvertretender Vorsitzender der ständigen Senatskommission für Lehre und Studium
Universität Münster (48149 Münster, NW)
04/2025 – heute
Mitglied und organisatorisch-verantwortliche Person des Bundesschiedsgerichts
Campusgrün - Bundesverband grün-alternativer Hochschulgruppen (10115 Berlin, BE)
11/2024 – heute
Fraktionsvorsitzender der CampusGrün-Fraktion im 67. Studierendenparlament
Studierendenschaft der Universität Münster, KdöR (48149 Münster, NW)
07/2024 – 06/2025
ordentliches Mitglied der Fachschaftsvertretung Jura
Studierendenschaft der Universität Münster, KdöR (48149 Münster, NW)
07/2024 – heute
Datenschutzbeauftragter
Campusgrün - Bundesverband grün-alternativer Hochschulgruppen (10115 Berlin, BE)
05/2024 – heute
Finanzreferent des Allgemeinen Studierendenausschusses
Studierendenschaft der Universität Münster, KdöR (48149 Münster, NW)
03/2024 – 05/2025
Mitglied im Schulträgerausschuss als Vertreter der Kreissschüler*innenschaft
Kreistag Mainz-Bingen (55218 Ingelheim am Rhein, RP)
02/2022 – 11/2022
Mitglied im Vorstand
Kreisschüler*innenvertretung Mainz-Bingen (55218 Ingelheim am Rhein, RP)
11/2021 – 11/2022
- Alter:
- 21
- Gruppe:
- CampusGrün Münster
- Hochschule:
- Universität Münster
